Drehorgel und Leierkasten

Historie

Wer war Erfinder der Drehorgel?

Leider weiß heute niemand mehr genau, wer die Drehorgel erfunden hat. Es gibt nur wenige schriftliche Hinweise und Überlieferungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Es kann möglich sein, dass die Drehorgel durch eine Neuentwicklung oder auch Weiterentwicklung aus mehreren anderen Musikinstrumenten verschiedener Länder entstanden ist.

Nach heutigen Vermutungen könnte als Erfinder der Drehorgel der deutsche Jesuitenpater Athanasius Kircher (1602-1680) gewesen sein.


Aus seinem Schriftwerk "Musurgia Universalis" (1650) stammen Aufzeichnungen und Pläne einer tragbaren Drehorgel namens "Organo Portatile" (Transportable Orgel). Aus diesem Werk stammen auch andere Pläne, z.B. eine mit Wasserkraft angetriebene Walzenorgel.

 

 

 

Serinette = Kleine Drehorgel

Serinetten bzw. Vogelorgeln sind der Drehorgel von der Technik her sehr ähnlich und könnten sogar ein direkter Vorläufer der Drehorgel gewesen sein.
Eine typische Serinette enthält in einem Holzkasten 10 Pfeifen aus Holz oder Metall, die in dem Vogelgesang angepasster Tonhöhe bis zu acht einfache Melodien wiedergeben können. Der Ablauf der Melodien wird auf einer Walze mittels Stiften aufgebracht, welche durch öffnen oder schließen einzelner Ventile die einzelnen Pfeifen ertönen lassen. Gleichzeitig wird mit der Handkurbel, welche die Walze in Bewegung bringt, auch ein Blasebalg betätigt, der die nötige Luft (Wind) erzeugt.
Eine Serinette wurde ursprünglich verwendet, zur Dressur von in Käfigen gehaltenen Singvögeln, insbesondere der Finkenarten Girlitz (lat. serinus serinus) und dem Zeisig (frz. serin).
Die ersten Serinetten wurden in den Jahren nach 1700 gebaut.
Eine Hochburg für den Bau von Serinetten war die französisch-lothringische Kleinstadt Mirecourt und die 50 Kilometer nördlich liegende Stadt Nancy.

 

Erster deutscher Drehorgelbauer

Der erste überlieferte Name eines deutschen Drehorgelbauers war Johann Daniel Silbermann (1717-1766). Er war einer von 3 Söhnen, welcher aus der berühmten Orgel- und Klavierbauer-Dynastie des sächsisch-elsässischen Kirchen-Orgelbaumeisters Andreas Silbermann (1678-1734) entstammte. Johann Daniel Silbermann´s Onkel war Gottfried Silbermann (1683-1753), ebenfalls ein "König" der Kirchenorgelbauer und der Bruder von Andreas Silbermann. Im Jahre 1758 wird in einem Musiknachrichtenjournal namens "Wöchentliche Nachrichten und Anmerkungen die Musik betreffend" über Johann Daniel Silbermann berichtet.  Es wird darin an den "Churfürstlich Sächsischen Hof Commissarius und Hoforgelbauer" Daniel Silbermann erinnert und seine Arbeit wie folgt gewürdigt: Seit einigen Jahren habe er sich "außer der Aufsicht über die neue Dresdner Orgel, meistenstheils mit Verfertigung allerley künstlicher Drehe-Orgeln" beschäftigt. Ein eindeutiger Beweis der frühen deutschen Herstellung von Drehorgeln.

Entwicklung des Drehorgelhandwerks

Ignaz Blasius Bruder (1780-1845) gründete in Waldkirch (Schwarzwald) eine regelrechte Drehorgeldynastie.
Er selbst hatte als Wandergeselle um 1798 in Nancy und Mirecourt (Frankreich) den Drehorgelbau kennengelernt.
Er hat sich dieses Handwerk angeeignet und dieses Wissen selbst weiterentwickelt. (autodidaktisch)
Im Jahre 1806 wurde er in Waldkirch mit einer eigenen Orgelmanufaktur ansässig. Seine dort entwickelten Drehorgeln wurden in alle Länder dieser Welt exportiert.
Fünf seiner Söhne erlernten ebenfalls das Handwerk des Musikwerkmachers und führten die Orgelmanufaktur weiter fort, bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts.
 

Weitere Hersteller

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts revolutionierte die industrielle Drehorgelherstellung und es siedelten sich weitere Orgelbaufirmen in Waldkirch an. Zu nennen wären: Orchestrionfabrik Gebr. Weber, Carl Frei, französische Orgelfirmen wie Gavioli und Limonaire.
Auch in Berlin entwickelte sich zu diesem Zeitraum ein Zentrum von Drehorgelherstellern, dort siedelten sich berühmte Firmennamen an, wie zum Beispiel: Bacigalupo, Frati, Cocchi, Adolf Holl und Wilhelm Holl.

Glanzzeiten der Drehorgel

In den Jahren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, erlebte die Drehorgel ihre Glanzzeiten. Nach dem ersten Weltkrieg diente die Drehorgel vielen Kriegsversehrten als letzter Retter in ihrer hungrigen Not. Auf Jahrmärkten sangen Moritatensänger und Gaukler schaurige Liedergeschichten in Begleitung ihrer Drehorgeln. In allen größeren Städten wie z.B. Berlin gehörte die Drehorgel zum alltäglichen Straßenbild. Oft wurde die Drehorgel auch repektlos "Leierkasten" genannt.

Das Ende der Drehorgel

Mit zunehmenden Straßenlärm und dem Aufkommen der Grammophon-, Rundfunk- und Musikindustrie in den 30er Jahren des 20.Jahrhunderts verloren die Drehorgeln immer weiter an Bedeutung. Auf Jahrmärkten war es billiger und einfacher sich mit Verstärkeranlagen zu versorgen. Drehorgeln waren einfach zu groß, zu schwer und zu kompliziert, wenn es um schnellen Musikwechsel ging. Nach dem Zweiten Weltkrieg sah man noch für ein paar Jahre einige Drehorgelspieler mit ihren Leierkästen über die Hinterhöfe ziehen. Mit dem aufblühenden Wirtschaftswunder der 1950er Jahre verschwanden die letzten Drehorgeln zusehends aus den Städten und Hinterhöfen.

Anno 1990

Im Jahre 1990 brachte die Deutsche Bundespost Berlin
anlässlich zum Jahrestag "200 Jahre Drehorgel" eine Sonderbriefmarke heraus mit dem Titel:
"Hofsänger in Berlin"
Auf der Marke ist eine vom Originalbild abgewandelte Radierung zu sehen, gestaltet von der deutschen Briefmarken-Graphikerin, Antonia Graschberger.
Die Radierung wurde dem Originalwerk von Ludwig Knaus aus dem Jahre 1869 nachempfunden.
Das Original-Ölbild von 1869 existiert noch heute in der Hamburger Kunsthalle und heisst: "The Hurdy-Gurdy Man" (Der Leiermann)
Michel/Philex Katalog-Nummer 872 - Katalogwert: 2,85 Euro (Stand 2008)

Oder doch noch anwesend?

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Drehorgelbegeisterten wieder spürbar an,
so als hätte eine kleine Drehorgel-Renaissance stattgefunden.
Diese Wiedergeburt läßt das veraltete Kultobjekt „Drehorgel“ neu aufleben.
Heute sieht man immer häufiger wieder Drehorgeln auf Drehorgelfestivals, oder auf Familienfesten und immer öfter sieht man wieder Strassenmusikanten in den Innenstädten mit ihren Drehorgeln spielen. Meistens sind es Liebhaber historischen Kulturgutes, denen es Freude bereitet, ihre Drehorgelmusik der Öffentlichkeit vorzuspielen oder für einen "guten Zweck" einzusetzen.

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